Feine, farbige Linien verlaufen parallel und bilden eine organisch geschwungene, netzartige Struktur. Fine, colored lines run parallel, forming an organically curving, net-like structure.

Über dieses Projekt

UK-German Funding Initiative
in the Humanities 2026–2029

Im Zentrum des Projektes steht die besondere Bedeutung und spezifische Funktion intertextueller Bezüge in der Exilliteratur. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass gegenwärtig eine neue deutschsprachige Literatur entsteht, die Erfahrungen von Flucht, Migration und Exil durch umfassende Verweise auf andere Texte artikuliert, darunter auch auf das Werk deutschsprachiger Exilierter aus der Zeit des Nationalsozialismus. Das Projekt untersucht diese Formen der Selbstverortung innerhalb der Literaturgeschichte und zeigt, wie dadurch tradierte Narrative von Exil und Erinnerung in der deutschsprachigen Literatur und Kultur aktualisiert und transformiert werden.

Die intertextuellen Bezüge, die Exilschriftstellerinnen und -schriftsteller zur Exilliteratur anderer Orte und Epochen herstellen, bilden den Ausgangspunkt für eine programmatische Erweiterung der Exilliteraturforschung. Sie umfasst drei Dimensionen: Erstens wendet sich das Projekt gegen die in der Germanistik lange vorherrschende zeitliche Fixierung von Exilliteratur auf die Zeit des Nationalsozialismus, indem es Texte der Gegenwart ebenso wie des Vormärz
transhistorische als Exilliteratur untersucht. Somit wird deutschsprachige Exilliteratur erstmals umfassend als ein epochenübergreifendes Phänomen erfasst. Zweitens analysiert das Projekt die transkulturellen und transnationalen Dynamiken von Exiltexten, die ebenfalls über intertextuelle Verweise sichtbar werden. Die zentrale These dabei lautet, dass solche programmatischen Verflechtungen nicht nur für die zeitgenössische Exilliteratur charakteristisch sind, sondern sich auch in früheren Epochen nachweisen lassen. Diese transhistorischen und transkulturellen Bewegungen stehen im Gegensatz zur Rhetorik nationaler Selbstkonstitution und kultureller Bewahrung, die literaturhistorisch als typisch für Exilliteratur gilt. Drittens untersucht das Projekt die zentralen Implikationen dieser intertextuell erzeugten Verflechtungen, um so multidirektionale Erinnerungsstrukturen sichtbar zu machen. Neben einer Neuperspektivierung der Konzepte von Intertextualität und Gedächtnis im Kontext der Exilliteratur geht es um die Untersuchung zentraler Topoi wie Verlust, Sammeln und Wiederaneignung.

Insgesamt analysiert das Projekt in systematisch, wie Exiltexte unterschiedlicher Epochen sich untereinander literarisch vernetzen: etwa durch Zitate, Motti und Widmungen, durch Verweise auf bestimmte Autorennamen und gemeinsame Topoi, durch narrative Verfahren oder formale Experimente. wie Schreiben im Exil jenseits national und kulturell determinierter literarhistorischer Ordnungen neue Referenzräume und Zugehörigkeiten konstituiert. Die Ergebnisse dieser Neuperspektivierung von Exilliteratur werden in kooperativen und individuellen Publikationen, in einer Anthologie, sowie in digital aufbereiteten Visualisierungen der Textvernetzungen und darüber hinaus in wissenschaftlichen Workshops und Veranstaltungen präsentiert, die sich auch an eine größere Öffentlichkeit richten.

Multiperspektivische Literarisierung des politischen Exils im Vormärz

Historische Schwarz-Weiß-Zeichnung eines nachdenklichen Dantes im Profil, den Kopf auf die Hand gestützt. A historical black-and-white drawing of a pensive Dante in profile, his head resting on his hand.

„Dante schrieb
seine Hölle im Exi
l.”

Heinrich Heine:
Ludwig Börne eine Denkschrift (1840)

Das Teilprojekt untersucht die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts als Epoche des literarischen Exils. Aufgrund der restriktiv restaurativen Politik Preußens, Österreichs und weiterer Teile des deutschen Bundes sehen sich zahlreiche Autor:innen zwischen den 1820er und 1840er Jahren gezwungen, ins Exil zu gehen, meist nach Großbritannien, Frankreich oder in die Schweiz. Diese literaturhistorisch der Vormärz‑Bewegung zugeordneten Schriftsteller:innen gilt es erstmals systematisch als Exilautor:innen zu beschreiben und damit ein lange bestehendes Forschungsdesiderat für die Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts zu bearbeiten. Geplant ist eine quantitative Erfassung von Autornamen, Exilursachen und -orten sowie Zeiträumen und Publikationen sowie Fallstudien zur literarischen Repräsentation des politischen Exils u.a. bei Heinrich Heine, Ferdinand Freiligrath und Georg Weerth. Untersucht wird, wie diese Autoren die Erfahrung des Exils mit Blick auf weltliterarische Referenztexte wie Ovid, Dante und die Bibel modellieren und dabei eine bleibende Bildsprache für das Leben und Schreiben außer Landes schaffen, an die spätere Autor:innen ihrerseits wieder anknüpfen. Außerdem soll insbesondere am Beispiel von Georg Weerth und Ferdinand Freiligrath im britischen Exil untersucht werden, wie diese Autor:innen ihren Schreibort zur Kulturvermittlung nutzen und nicht zuletzt durch Übersetzungen transtemporale und transkulturelle literarische Verknüpfungen befördern.

Mehrschichtige, geschwungene Linien in Grün-, Gelb- und Rosatönen überlagern sich zu einer abstrakten, räumlichen Form. Multilayered, curving lines in shades of green, yellow, and pink overlap to form an abstract, spatial shape.

Kritik und Kanon: Vernetzte Exilliteraturen im 20. Jahrhundert

Historisches Porträt von Michel de Montaigne in ovalem Rahmen mit Kragen und dekorativem Ornament. Historical portrait of Michel de Montaigne in an oval frame, with a collar and decorative ornamentation.

„Mich aber berührt und beschäftigt an Montaigne heute nur dies: wie er in einer Zeit ähnlich der unsrigen sich innerlich freigemacht hat und wie wir, indem wir ihn lesen, uns an seinem Beispiel stärken können.“

Stefan Zweig, Montaigne (1941/42)

Dieses Teilprojekt untersucht die Bandbreite und Dynamik literarischer Verweise im Exil zur Zeit des Nationalsozialismus. Es beleuchtet die Arbeit von Exilierten als Literaturkritiker:innen sowohl in der Exilpresse als auch in literarischen Zeitschriften ihrer Aufnahmeländer und erforscht das Verhältnis von Exiltexten zum Konzept und zu den Inhalten des literarischen Kanons. Durch die Fokussierung textueller Verflechtungen werden traditionell dominierende Betrachtungen Exilierter, ihrer Hervorbringungen und Verbindungen, durch eine national-literarische Linse problematisiert. Hannah Arendt, Walter Benjamin und Siegfried Kracauer etwa werden als Literaturjournalisten untersucht, deren Kritik- und Publikationsnetzwerke grundsätzlich mehrsprachig und transnational waren und deren Schreiben dezidiert von Übersetzung, Adaption und Interdisziplinarität geprägt war. Die dichten Verflechtungen im Exiljournalismus weisen, so eine Forschungshypothese, auf die globalisierte und digitalisierte Medienlandschaft von heute voraus.
Das Projekt deckt zudem die Bedeutung der Kanonizität als Konzept in der Exilliteratur auf sowie deren Überschneidung mit vielen der zentralen Anliegen der Exilierten: nationale und „portative“ Identität, Erinnerung, wirkungsvolles Schreiben für neue Zielgruppen und die Bewältigung persönlicher Verluste. Das Projekt bringt eine breite Palette von Reaktionen auf den Kanon und dessen Neudefinitionen ans Licht und hinterfragt die besondere Bedeutung eines „Welt“-Kanons in der deutschen Exilliteratur, auf die Anthologien wie Alfred Wolfensteins „Stimmen der Völker“ (1938) und Hermann Kestens und Klaus Manns „Heart of Europe“ (1943) hinweisen, die bislang noch nicht eingehend untersucht wurden. Zwei wiederkehrende frühneuzeitliche Referenzen, auf Shakespeare und Montaigne, sollen in diesem Teilprojekt in ihrer Relevanz für Exiltexte eingehender untersucht werden.

Dicht angeordnete, farbige Linien erzeugen eine komplexe, wellenförmige Struktur mit räumlicher Tiefe. Closely spaced, colored lines create a complex, wave-like structure with spatial depth.

Rahmung, Einschreibung, Entgrenzung: Intertextuelle Konstitutionsprozesse der neuen Exilliteratur

Collageartige Darstellung: Eine rote Hand greift von oben nach einer aus einem Loch auftauchenden weißen Hand vor blauem Hintergrund. Collage-like depiction: A red hand reaches down from above toward a white hand emerging from a hole, set against a blue background.

„[…] bis die Exilerfahrungen der anderen zum Wasser für mein dürstendes Ich wurden.“

Rosa Yassin Hassan: Mein Name ist
Flüchtling (Brief an Hannah Arendt),
in: Die Zeit 3.12.2018

Ausgegangen wird von dem Befund, dass sich zunehmend eine neue deutschsprachige Exilliteratur herausbildet, die nicht wie zuvor durch Verfolgung und Flucht aus Deutschland geprägt wird, sondern für die deutschsprachige Länder selbst zum Schreibort von Autor:innen geworden sind, die aus Diktaturen und Krisenregionen etwa im Nahen und Mittleren Osten und in Osteuropa geflüchtet sind. Das Korpus bilden vor allem bereits auf Deutsch geschriebene Texte; da für viele relevante Autor:innen aber Sprachwechsel und Mehrsprachigkeit nicht nur biografisch bedeutsam, sondern häufig literarisch relevant sind, werden Sprach-Kriterien flexibel behandelt und ggf. Übersetzungen einbezogen. Untersucht wird, inwiefern die Texte sich auf frühere, in der deutschsprachigen Literatur reflektierte Exile beziehen und wie sie sich auf diese Weise in diese Tradition einschreiben. Zugleich wird nachvollzogen, inwiefern die Kontrastierungen west- und osteuropäischer Erinnerungsnarrative sowie Relektüren westlicher Orientkonzepte im Kontext aktueller Flucht- und Exilgeschichten auf Konstellationen multidirektionaler Erinnerung führen, die nationale Geschichte erweitern bzw. in ihrer vermeintlichen Linearität und Kohärenz herausfordern. Berücksichtigt wird auch, dass die Apostrophierung und Rahmung von Gegenwartstexten als Exilliteratur stark mit programmatischen Perspektivierungen und Aktivitäten von Institutionen wie Museen, Theater, Stiftungen oder Verlage verbunden sind. Neben den literarischen Texten werden deshalb auch diskursive Konstellationen im literarischen Feld der Gegenwart untersucht.